Pankrati Matwejew


           

             Pankrati Jermilowitsch Matwejew, geboren 1921


Einwohner des Dorfes Pustin, Gebiet Arsamas, Bezirk Nischni Nowgorod.

„Waldmensch“, „Pankratuschka“ wird er liebevoll im Dorf genannt. Ein Altgläubiger. In seinem Geburtsort hat er sein ganzes Leben verbracht.

Als junger Mann arbeitete er im Kolchos. Ein Naturfreund und -kenner: Die Wälder um sein Dorf kennt niemand besser als er. Nach Nischni Nowgorod ging er zu Fuß, er kennt die „Abkürzung“ durch die Wälder, immerhin 100 bis 110 Kilometer. In zwei Tagen war das für ihn zu schaffen. „Ist doch nicht weit“, sagt Pankrati und lacht. Er hat in der Forstwirtschaft gearbeitet. Auch jetzt ernährt ihn der Wald – Pilze, Beeren, Kräuter...

Wer hat als erster im Dorf sein Feuerholz für den Winter bereit? Natürlich Pankrati. Und wer hat das Holz am ordentlichsten vor dem Haus gestapelt? Pankrati. Wer ist bereit zu helfen, sobald er gerufen wird? Wieder Pankrati.

Ein guter Hauswirt. Der Hof, wie sich’s gehört: eine Kuh, ein Kalb, Hühner, Gänse, der Gemüsegarten, wo alles wächst – Kartoffeln, Rüben, Möhren, Tomaten, Zwiebeln, Dill, Petersilie, Gurken...


           

     Pankrati Jermilowitsch Matwejew mit seiner Frau Wassa Wasiljewna


                                                                Wie wir uns kennenlernten

Es war im Sommer 1996. Wir wohnten im „Studentenstädtchen“ am See, auf der biologischen Forschungsstation der Universität Nischni Nowgorod. Jeden Morgen gingen wir ins Dorf, um zu fotografieren, lernten die Gegend kennen, unterhielten uns mit den Leuten im Ort. Manche hielten uns für Journalisten, die Material über das Leben im Dorf sammelten.

Eines Tages sagte der Direktor der Forschungsstation: „Ihr Lieben, ich will euch einen hochinteressanten alten Mann vorstellen, Pankrati Matwejew. Stark ist der Kerl. Und die Haare hat er wie im 19. Jahrhundert, wirklich unterm Topf geschnitten. Ich muss nur vorher mit ihm reden, dass ihr kommt und ihn fotografieren wollt.“

Man muss wissen, dass die Altgläubigen nicht gerade eine Vorliebe für Leute mit einem Fotoapparat haben. Am vereinbarten Tag gingen wir zu Pankrati. Uns empfing ein eher klein gewachsener Mann mit misstrauischem Gesichtsausdruck (fast ärgerlich, er sah aus wie: Was wollt ihr denn hier?). Ein Nachbar entschärfte die Stimmung etwas, machte sich freundlich um uns zu schaffen und sagte zu Pankrati, „Du musst doch nett zu den Leuten sein, sie sind extra gekommen, um dich zu fotografieren, zieh dich mal um, ich bring dir neue Bastschuhe, ich hab welche an der Wand am Nagel hängen.“ Pankrati unterbrach ihn schroff: „Ich brauch keine Bastschuhe. Fotografieren lass ich mich nicht!“ Aber der Nachbar ließ nicht locker, bis schließlich das letzte Argument den unbeugsamen Alten überzeugte: dass die Kinder und Enkel dann doch ein Andenken haben werden. „Macht’s, wie ihr wollt!“, sagte Pankrati und ging ins Haus, sich umziehen. Wassa Wassiljewna, seine Frau, forderte ihn auf: „Und kämm dich!“, worauf Pankrati antwortete: „Wird auch ohne gehen.“ So viel Aufhebens um seine Person verdross ihn.

Er setzte sich auf die Treppenstufen vor seinem Haus und sah streng vor sich hin – die Augenbrauen bis zur Nasenwurzel zusammengezogen, so dass die Falten noch tiefer wurden, kurz, ein wahres Ebenbild von Jemelka Pugatschow, dem Räuberhauptmann. Und Lev machte ein paar Aufnahmen...


           

Wir fuhren heim in die Stadt, um die Filme zu entwickeln, einen Vorrat an neuem Filmmaterial zu holen und Abzüge zu machen.

Eine Woche später kehrten wir mit „Geschenken“ wieder nach Pustin zurück; für jeden, den wir fotografiert hatten, brachten wir sein Bild mit.

Im Dorf wurden wir wie gute alte Bekannte empfangen. Schon im Bus nach Pustin hörten wir zu unserer Freude: „Wo wart ihr denn? Eine ganze Woche lang haben wir euch nicht gesehen!“ Wir antworteten, dass wir in der Stadt waren, die Fotos abziehen.

Wir gingen zu Pankrati. Es waren besonders warme, trockene Tage, und die Dörfler machten Heu. Pankrati und Wassa rechten gerade das trockene Heu zu einem kleinen Schober zusammen. Wir kamen heran, grüßten und sagten, wir haben die Bilder mitgebracht. Pankrati trat zu uns, nahm sie vorsichtig und trug sie mit ausgestreckten Armen wie eine Reliquie zu seiner Frau. „Schau, Alte, so was hab ich mein Lebtag nicht gehabt!“

Daraufhin wurden wir zu gern gesehenen Gästen - wir durften in die Hütte kommen, wurden mit Kräutertee bewirtet. Wir kamen ins Gespräch. Pankrati fragte uns aus, was wir für Leute wären, woher wir stammen, was wir tun; später erzählte er auch von sich, von den Kindern und Enkeln, die er mit seiner Frau Wassa Wassiljewna großgezogen hatte. Seine Aussprache klang eigentümlich, er sprach zum Beispiel „z“ statt „tsch“; so redet man nur in diesem Dorf und im benachbarten Naumowka.

Die Kinder hatten eine Ausbildung in der Stadt genossen: der Sohn arbeitet als Ingenieur, die Tochter ist Mathematiklehrerin, die Enkel gehen zur Schule. Die Alten freuen sich, wenn die Kinder ins Elternhaus kommen.

Vor uns stand ein ganz anderer Mensch. Lev bat Pankrati, sich an dem festtäglich weißen Lehmofen - von Wassa erst vor kurzem geweißt - fotografieren zu lassen. Es gab keine Einwände. Und er schaute freundlich drein.

Was diesmal für ein Bild daraus geworden ist, möge das Publikum beurteilen!

           




          

P. S. Zum letzten Mal trafen wir die beiden Alten im Dezember 1998. Wassa Wasiljewna war krank (der Rheumatismus hatte sie schon ganz zerquält), Pankrati kümmerte sich um die Wirtschaft.

Ob sie noch leben, wissen wir nicht...

Emiliya und Lev Silber, Februar 2004

                                                                                                                      (Übers.: Dr. Sabine Fahl, Berlin)